Das pluralistische Selbstverständnis des Dividuum
Das Dividuum ist nicht einfach es selbst. Es erscheint in Rollen, bewegt sich durch Rollen und erkennt sich in Rollen wieder. Jede soziale Situation eröffnet ein anderes Verhältnis zwischen Selbstbild, Fremdbild, Erwartung und Verhalten. Im Rollenspiel erprobt das Dividuum, welche seiner möglichen Selbstformen in welchem Kontext anschlussfähig, wirksam und lebbar werden.
Rollen geben dem Menschen Orientierung im sozialen Miteinander. Sie verdichten komplexe Erwartungen, Verhaltensweisen und Beziehungsmuster zu verständlichen Bildern, durch die Interaktion überhaupt erst möglich wird. Wer eine Rolle einnimmt, tritt nicht allein auf, sondern immer in Beziehung zu anderen Rollen, die mitgedacht und mitgespielt werden. So wird das Rollenspiel zur sozialen Grammatik, in der das Dividuum sein Verhältnis zur Welt aushandelt.
Medien erweitern dieses Rollenspiel erheblich. Bücher, Filme, Serien, Computerspiele und öffentliche Debatten zeigen eine enorme Vielfalt möglicher Lebensformen, Charaktere, Haltungen und Konflikte. Das Dividuum kann sich in diesen Rollen spiegeln, von ihnen abgrenzen oder fiktiv ausprobieren, wer es sein könnte. Dadurch werden mediale Welten zu Proberäumen der Identität.
In einer pluralistischen Gesellschaft sind Rollen nicht mehr selbstverständlich kulturell vorgegeben. Das eröffnet Freiheit, Differenzierung und Individualisierung, erhöht aber zugleich die Last der Selbstbestimmung. Wer alles sein kann, muss immer wieder entscheiden, welche Rolle passt, welche erwartet wird und welche noch mit dem eigenen Selbstbild vereinbar ist. Aus der Befreiung von festen Rollenmodellen kann deshalb auch Orientierungslosigkeit, Überforderung oder eine fragmentierte Innenwelt entstehen.
Rollenspiel ist damit eine zentrale Kompetenz des Dividuums. Es bedeutet, Rollen nicht blind zu übernehmen, sondern sie wahrzunehmen, zu prüfen, zu gestalten und bei Bedarf wieder abzulegen. Denn Rollen können Handlung ermöglichen, aber auch zur Schablone werden, in der ein Mensch sich selbst verliert. Zwischen Freiheit und Festlegung lernt das Dividuum, sich nicht nur als Spielfigur zu erleben, sondern bewusster in das Spielfeld einzutreten.