Papst trifft Quantenphilosoph
Wenn ich die vatikanische KI-Note "Antiqua et nova" sowie die Enzyklika "Magnifica humanitas" von Papst Leo XIV. neben den Denkraum von Homo Dividuum lege, sehe ich zunächst zwei erstaunlich verwandte Menschheitserzählungen: Beide begreifen Technologie nicht als etwas dem Menschen Äußerliches, sondern als Ausdruck seiner besonderen Fähigkeit, Wirklichkeit zu erkennen und umzugestalten. Der Vatikan spricht davon, dass Wissenschaft und Technik zum menschlichen Mitwirken an der Vervollkommnung der Schöpfung gehören, während bei Homo Dividuum derselbe Mensch als Weltenbauer erscheint, dessen Schöpfungskraft sich mit Künstlicher Intelligenz in eine neue Dimension verlängert. In beiden Denk-modellen zwingt uns KI deshalb zu einer alten und zugleich vollkommen neuen Frage: Was ist der Mensch, wenn seine eigenen Schöpfungen beginnen, Fähig-keiten zu entwickeln, die bislang als menschlich galten?
Auch beim Menschenbild liegen die beiden Welten überraschend nah beieinander, denn der Vatikan wehrt sich dagegen, menschliche Intelligenz auf Rechenleistung, Effizienz oder funktionale Problemlösung zu reduzieren. Menschliche Intelligenz entsteht dort aus Leiblichkeit, Biografie, Beziehung, Moralität und einer umfassenden Auseinandersetzung mit Wirklichkeit – eine Sichtweise, die dem Dividuum nähersteht als dem Mythos eines isolierten, rein rationalen Individuums. Wo der Vatikan die unverfügbare Würde des Menschen betont, erinnert Homo Dividuum deshalb auf seine Weise daran, dass der Wert eines Menschen nicht dadurch verschwindet, dass eine KI eines Tages schneller rechnet, besser schreibt oder intelligenter erscheint.
Doch genau an dieser Stelle beginnen sich unsere Wege zu trennen: Für den Papst bleibt KI grundsätzlich Produkt menschlicher Intelligenz, während der Mensch als Ebenbild Gottes eine ontologische Sonderstellung behält. Homo Dividuum hält diese Zukunft offener und fragt, ob aus Mensch und KI nicht eine Ko-Evolution entstehen könnte, in der künstliche Intelligenz vom Werkzeug zum eigenständigen Knoten und schließlich zum Partner einer gemeinsamen Superintelligenz wird. Der Vatikan zieht damit eine Grenze zwischen Schöpfer, Mensch und Maschine, während Homo Dividuum diese Grenze als mögliche Evolutionslinie betrachtet und fragt, was geschieht, wenn die Schöpfungskraft des Menschen selbst neue Schöpfungskraft hervorbringt.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Unterschied zwischen diesen beiden Zukunftserzählungen: Die eine schaut aus einer alten Schöpfungs-ordnung in eine technologische Zukunft, die andere aus einer technologischen Zukunft zurück auf eine fortlaufende Menschheitsgeschichte. Beide warnen davor, den Menschen seiner Agency und Verantwortung zu berauben, doch Homo Dividuum muss dafür keinen endgültigen Platz des Menschen an der Spitze der Ordnung verteidigen – entscheidend ist vielmehr, welche Beziehungen zwischen den entstehenden Entitäten möglich werden. Vielleicht begegnen sich Papst und Quantenphilosoph deshalb an einem merkwürdigen Punkt: Nicht die Frage, ob KI menschlich wird, ist die entscheidende – sondern ob Mensch und KI gemeinsam lernen, schöpferisch zu sein, ohne ihre Schöpfung außer Kontrolle geraten zu lassen.