Macht wirkt durch den Menschen
Aus Gestaltungswillen, Wirkmächtigkeit und Schöpfungskraft baut der Mensch seine Welten. Doch jede geschaffene Welt bleibt verletzlich: Sie kann von außen angegriffen, von innen ausgehöhlt oder durch ihre eigenen Widersprüche zerstört werden. Der Mensch wird deshalb zum Machtmenschen, wenn er Verantwortung für den Erhalt, die Ordnung und die Weiterentwicklung seiner Schöpfungen übernimmt.
Menschliche Macht ist dabei kein Besitz, den Einzelne allein in ihren Händen halten. Sie entsteht systemisch - in Regeln, Institutionen, Technologien, Erzählungen und alltäglichen Gewohnheiten. Gesellschaftliche Macht wirkt durch Menschen hindurch und wird durch Millionen kleiner Entscheidungen fortlaufend bestätigt, verändert oder unterlaufen.
Der Machtmensch erkennt sich deshalb nicht nur als Beherrschter oder Beherrscher, sondern als Mitträger gesellschaftlicher Wirkmacht. Seine Aufgabe besteht nicht darin, andere zu unterwerfen, sondern die Wirkungen des eigenen Handelns zu verstehen und Verantwortung für das gemeinsame Weltgefüge zu übernehmen. Macht wird so zur Fähigkeit, geschaffene Welten vor innerer und äußerer Zerstörung zu schützen, ohne ihre Offenheit für Veränderung zu verlieren.
Doch die menschliche Macht besitzt auch eine destruktive Seite. Wo Narzissmus und Empathielosigkeit auf konzentrierte Macht treffen, kann aus Gestaltungswillen ein rücksichtsloser Herrschaftsanspruch werden. Was sich beim Einzelnen als ein psychopatischer Charakter zeigt, erscheint auf der Ebene der Menschheit als intelligente Brutalität: Andere Menschen, Lebewesen, Landschaften und planetare Prozesse werden den eigenen Zwecken untergeordnet. Die dunkle Seite des Machtmenschen ist die Schattenseite des Weltenbauers. Verantwortliche Macht beginnt dort, wo die Menschheit ihre Gestaltungs- und Zerstörungskraft erkennt und ihrer vermeintlichen Allmacht Grenzen setzt.