Zwischen Noch nicht und Jetzt
Der Mensch hat den Tod lange als Grenze verstanden, die sich verschieben, aber nicht gestalten lässt. Nun arbeitet er gleichzeitig daran, das Altern biologisch hinauszuzögern und das eigene Lebensende stärker selbst bestimmen zu können. Longevity sagt: Noch nicht – assistiertes Sterben sagt: Jetzt.
Beide Bewegungen wirken auf den ersten Blick gegensätzlich und entspringen doch demselben Gestaltungswillen: Biologische Lebenszeit soll nicht mehr nur Schicksal sein, sondern zunehmend Gegenstand menschlicher Agency. Vielleicht liegt der eigentliche gemeinsame Nenner deshalb weniger in der Lebensspanne als in der Gesundheitsspanne. Wir wollen nicht einfach länger existieren, sondern möglichst lange selbstständig denken, handeln, entscheiden und unser Leben als das eigene erfahren.
Gerade dadurch bekommt der Verlust von Autonomie ein neues Gewicht, denn eine Gesellschaft, die Selbststeuerung zum Ideal erhebt, kann Abhängigkeit zunehmend als Loss of Agency erleben. Die technologische Befreiung vom biologischen Schicksal erzeugt damit ein Paradox: Je mehr Kontrolle wir über unser Leben gewinnen, desto schwerer könnte es uns fallen, jene Lebensphasen anzunehmen, in denen Kontrolle wieder schwindet.
Hier beginnt für mich die empfindlichste Grenze zwischen Lebensqualität und Lebenswert. Ein Mensch darf für sich selbst empfinden, dass sein Leiden, seine Abhängigkeit oder der Verlust seiner Identität eine Grenze erreicht haben – daraus darf aber niemals ein allgemeines Weltmodell entstehen, nach dem abhängiges, behindertes, dementes oder pflegebedürftiges Leben weniger wert sei. Gerade eine technologisch optimierte Gesellschaft muss deshalb aufpassen, dass ihr Ideal des leistungsfähigen, autonomen Menschen nicht unbemerkt zum Maßstab dafür wird, welches Leben noch als gelungen gilt. Agency bedeutet das Recht, über das eigene Leben zu bestimmen, nicht das Recht der Gesellschaft, über den Wert fremden Lebens zu urteilen.
Noch gesellschaftlich kritischer wird es, wenn aus biologischer Gestaltbarkeit eine Frage von Macht und Zugang wird. Longevity könnte künftig immer bessere Diagnostik, Therapien und vielleicht zusätzliche gesunde Lebensjahre ermöglichen, doch solche Möglichkeiten werden nicht zwangsläufig allen Menschen gleichermaßen offenstehen. Dann entsteht eine verstörende Asymmetrie: Einige verfügen über immer mehr Optionen, ihr gesundes Leben zu verlängern, während andere womöglich vor allem über die Option verfügen, sein Ende selbst zu bestimmen. Aus technologischer Selbstbestimmung über die Lebensspanne würde damit eine neue Form sozialer Ungleichheit – nicht nur die Verteilung von Geld und Chancen, sondern die Verteilung gestaltbarer "gesunder" Lebenszeit.
Vielleicht erleben wir deshalb gerade den Anfang einer größeren Verschiebung im Selbstverständnis des Menschen: Der Weltenbauer beginnt nicht nur seine Umwelt, sondern seine eigene zeitliche Existenz zu designen. Geburt bleibt bislang weitgehend Eintritt ohne eigene Entscheidung, doch zwischen diesem Anfang und dem Tod wächst ein immer größerer technischer und moralischer Möglichkeitsraum. Die entscheidende Frage lautet dann nicht, ob wir Leben verlängern oder Sterben erleichtern sollten, sondern unter welchen Bedingungen eine Entscheidung tatsächlich die eigene bleibt. Denn die vielleicht radikalste Freiheit einer zukünftigen Menschheit wäre nicht, ewig leben oder jederzeit sterben zu können, sondern zwischen Noch nicht und Jetzt wirklich selbst wählen zu dürfen.