Die realen Tötungsphantasien des israelischen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir

Ich spreche hier bewusst nicht von einer psychiatrischen Diagnose oder einer verborgenen Tötungsphantasie, sondern von einer öffentlich ausgesprochenen Tötungsvorstellung, die politische Wirklichkeit werden soll. Itamar Ben-Gvir forderte, im Gazastreifen jede Nacht 30 bis 40 Menschen gezielt zu töten, und erklärte aus-drücklich, dass er damit nicht nur Personen meine, von denen eine unmittelbare Gefahr ausgehe. Besonders aufschlussreich ist seine anschließende Begründung, es gebe dort Menschen, die es nicht verdienten zu leben und "nicht einmal Menschen" seien. Für mich als Seelenleser beginnt die eigentliche Analyse deshalb nicht bei der Waffe, sondern dort, wo ein menschliches Weltbild einem anderen Menschen zunächst sein Menschsein entzieht.

Ben-Gvir Tötungsphantasien

Dehumanisierung ist psychologisch so wirkmächtig, weil sie den Anderen aus jener moralischen Gemeinschaft entfernt, deren Mitglieder normalerweise Anspruch auf Mitgefühl, Schutz und Recht besitzen. Aus einem Menschen mit Biografie, Beziehungen, Ängsten und Hoffnungen wird eine Kategorie: Feind, Bedrohung, Störfaktor oder zu beseitigendes Problem. Ben-Gvirs Sprache vollzieht diese Verschiebung ungewöhnlich offen, indem sie nicht nur eine Handlung fordert, sondern zugleich eine Gruppe von Menschen sprachlich unter die Schwelle des Menschlichen setzt. Wer den Anderen nicht mehr als gleichwertiges Gegenüber wahrnimmt, muss anschließend psychologisch wesentlich weniger überwinden, um Gewalt gegen ihn als legitim erscheinen zu lassen.

Im Denkraum von Homo Dividuum sehe ich darin eine extreme Form ontologischer Isolation: Das eigene Weltmodell wird so geschlossen, dass die Perspektive des Anderen darin keinen eigenständigen Platz mehr besitzt. Der Andere erscheint nicht mehr als Knotenpunkt in einer gemeinsamen Menschenwelt, sondern ausschließlich durch seine Funktion innerhalb der eigenen Erzählung - als Gegner, Gefahr oder Hindernis. Genau hier wird ein verschlossenes Mindset gefährlich, weil widersprechende Informationen nicht mehr zur Korrektur des Weltbildes führen müssen, sondern als weitere Bestätigung seiner Feindbilder verarbeitet werden können. Die psychologisch entscheidende Grenze ist über-schritten, wenn nicht mehr gefragt wird, was dieser Mensch getan hat, sondern ob dieser Mensch überhaupt noch zu denen gehört, deren Leben als schützenswert gilt.

Diese Gedanken wären bereits bei einem einzelnen Menschen, einem Local Player, beunruhigend, doch bei einem Regierungsmitglied kommt Wirkmächtigkeit eine Global Players hinzu. Ben-Gvir verfügt zwar nicht über die militärische Befehlsgewalt für entsprechende Angriffe, sitzt jedoch im israelischen Sicherheitskabinett und äußert seine Vorstellungen aus einer institutionellen Machtposition heraus. Damit verlässt die Dehumanisierung den privaten Denkraum und tritt als politische Option in den öffentlichen Möglichkeitsraum ein. Macht zeigt sich hier nicht erst darin, einen Tötungsbefehl geben zu können, sondern bereits darin, beeinflussen zu können, welche Vorstellungen innerhalb eines politischen Systems ausgesprochen, diskutiert und womöglich normalisiert werden.

Die gefährlichste Wirkung solcher Sprache liegt deshalb möglicherweise nicht in einem einzelnen Satz, sondern in der Verschiebung dessen, was anschließend als denkbar gilt. Was zunächst als extreme Grenzüberschreitung erscheint, kann durch Wiederholung, Zustimmung und fehlende Gegenrede Schritt für Schritt seinen Ausnahmecharakter verlieren; genau deshalb wurden Ben-Gvirs Äußerungen auch von deutschen Regierungsvertretern und jüdischen Organisationen ausdrücklich verurteilt. Als Seelenleser frage ich daher nicht, ob in einem Menschen irgendwo "das Böse" wohnt, sondern welche psychischen und sprachlichen Schritte notwendig sind, damit die Vernichtung anderer Menschen innerhalb seines Weltmodells als vernünftige Lösung erscheinen kann. Die Tötung beginnt psychologisch nicht mit dem Abdrücken - sie beginnt dort, wo das Gegenüber aus dem Kreis der Menschen herausgeschrieben wird.