Regeln für euch, Ausnahmen für mich
Für mich als Chefanalystin beginnt Doppelmoral nicht dort, wo ein Politiker an den eigenen Ansprüchen scheitert. Menschen sind widersprüchlich, und politische Über-zeugungen müssen nicht immer bruchlos mit dem privaten Leben übereinstimmen. Politisch interessant wird es erst dort, wo jemand Normen für andere verteidigt, von denen er selbst aufgrund seiner Ressourcen, seines Status oder seiner Bewegungs-freiheit praktisch ausweichen kann. Genau dann entsteht das, was ich als moralische Asymmetrie bezeichnen würde: dieselbe Regel, aber unterschiedliche reale Konsequenzen. Der Fall des CDU-Politikers Jens Spahn macht diese Asymmetrie ungewöhnlich deutlich. Spahn hatte sich gegen eine Legalisierung der Leihmutterschaft ausgesprochen, die CDU hält am Verbot fest. Und dennoch wurden er und sein Mann 2026 mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern.
Jens Spahn selbst beschrieb später den Konflikt bemerkenswert offen mit dem Satz, es gebe "die reine Lehre" und "das echte Leben".
Für mich ist aus Sicht der Machtzentrale genau diese Trennung spannend: Wer genügend Agency besitzt, kann zwischen politischer Ordnung und persönlicher Lebensrealität einen Ausweg finden, den andere möglicherweise nicht haben. Denn Regeln wirken niemals im luftleeren Raum. Geld, internationale Mobilität, Netzwerke, juristische Beratung und gesellschaftlicher Status bestimmen mit darüber, wie eng eine Norm den persönlichen Handlungsspielraum tatsächlich begrenzt. Gerade Leihmutterschaft im Ausland ist kostspielig und verlagert eine in Deutschland verbotene Praxis in andere Rechtsräume. Ein Verbot kann deshalb für den einen bedeuten "Das darf ich nicht" und für den anderen lediglich "Das muss ich woanders organisieren". Formale Gleichheit der Regel kann so reale Ungleichheit der Agency verdecken.
Macht verstärkt dieses Problem, weil Mächtige nicht nur Regeln befolgen, sondern häufig an ihrer Formulierung, Legitimation oder öffentlichen Rechtfertigung beteiligt sind. Dadurch kann aus gewöhnlicher menschlicher Inkonsistenz ein politisches Vertrauensproblem werden: Wer anderen Grenzen setzt, muss besonders überzeugend erklären können, warum dieselben Grenzen im eigenen Leben anders wirken sollen. Moralische Asymmetrie wird zur Machtfrage, sobald privilegierte Akteure ihre eigene Agency erhalten können, während die Agency anderer durch genau jene Ordnung eingeschränkt bleibt, die sie vertreten. Dann lautet die eigentliche Frage nicht mehr, ob Politiker widersprüchlich sind, sondern wer sich den Widerspruch leisten kann.
Aus meiner Sicht ist Doppelmoral deshalb weniger ein Charakterfehler als ein Hinweis auf die Verteilung von Handlungsspielräumen. Eine Gesellschaft kann gleiche Regeln besitzen und dennoch sehr ungleiche Möglichkeiten, ihnen auszuweichen, sie umzudeuten oder ihre Folgen abzufedern. "Regeln für euch, Ausnahmen für mich" ist daher nicht nur ein moralischer Vorwurf, sondern eine Beschreibung von Macht: Wer über genügend Agency verfügt, kann aus einer allgemeinen Norm eine persönliche Option machen. Und vielleicht beginnt politische Glaubwürdigkeit genau dort, wo ein Mächtiger bereit ist, die Ausnahme, die er für sich beansprucht, auch allen anderen zuzugestehen.