Die Weitergabe der Ohnmacht
Was mich an Epsteins System verstört, ist nicht nur die Gewalt eines mächtigen Mannes, sondern die Art, wie diese Gewalt in den Menschen weiterarbeitet, die ihr ausgesetzt waren. Einige der Frauen wurden selbst missbraucht und blieben dennoch in seiner Nähe, arbeiteten für ihn und führten ihm später weitere Frauen zu. Das wirkt von außen widersprüchlich, wird aber verständlicher, wenn wir Loss of Agency nicht als einzelnen Moment, sondern als einen schleichenden Prozess betrachten. Wer über längere Zeit erlebt, dass Grenzen verschoben, Abhängigkeiten geschaffen und die eigene Wahrnehmung infrage gestellt werden, kann irgendwann beginnen, sich innerhalb des fremden Systems einzurichten, statt es noch als fremdes System wahrzunehmen.
Eines von Epsteins Opfern beschreibt, wie sie nach dem ersten Übergriff zunächst den Fehler bei sich selbst suchte und glaubte, sie sei zu prüde oder reagiere unangemessen. Später habe sie ihre Gefühle unterdrückt und sich so sehr an den Missbrauch gewöhnt, dass sie verdrängen konnte, was den neu angeworbenen Frauen vermutlich bevorstand. Genau hier liegt ein psychologischer Kipppunkt: Das Unnormale wird nicht gut, aber es wird normalisiert. Was gestern noch Entsetzen ausgelöst hat, kann morgen zum Alltag gehören und übermorgen als notwendiger Bestandteil des eigenen Überlebens akzeptiert werden.
Damit beginnt die eigentliche Opfer-Täter-Dynamik, denn ein Mensch muss nicht aufhören, Opfer zu sein, um gleichzeitig selbst zum Beteiligten an der Schädigung anderer zu werden. Die Frauen konnten weiterhin unter Kontrolle, Angst und Abhängigkeit stehen und dennoch Entscheidungen treffen, durch die andere Frauen in dasselbe System gerieten. Diese Gleichzeitigkeit ist schwer auszuhalten, weil unser moralisches Weltmodell Menschen lieber eindeutig als Opfer oder Täter einordnet. Der Fall zwingt uns jedoch zu einer unbequemeren Sicht: Fremdbestimmung kann Verantwortung vermindern, ohne sie automatisch vollständig auszulöschen.
Besonders erschreckend ist, dass Epstein seine Macht nicht mehr allein ausüben musste, sobald andere Menschen begannen, seine Logik weiterzutragen. Frauen, denen selbst Handlungsspielräume genommen worden waren, wurden teilweise zu Vermittlerinnen, durch die wiederum andere Frauen ihre Handlungsspielräume verloren. So entsteht eine psychologische Kettenreaktion: Loss of Agency - Anpassung - Rollenüber-nahme - Weitergabe des Loss of Agency. Die Ohnmacht bleibt damit nicht beim ursprünglichen Opfer stehen, sondern kann sich sozial verviel-fältigen und schließlich zu einem Bestandteil der Infrastruktur des Missbrauchssystems werden.
Für mich liegt darin die tiefste Lektion dieses Falls: Macht erreicht eine neue Qualität, wenn Menschen nicht mehr nur gehorchen, sondern beginnen, das System ihrer eigenen Unterwerfung selbst zu reproduzieren. Epstein konnte offenbar Karrierechancen, Geld, Wohnungen, gesellschaftlichen Status, Kontrolle und Drohungen so miteinander verschränken, dass für manche Beteiligte das Verlassen des Systems subjektiv gefährlicher erschien als das Bleiben. Deshalb genügt es nicht zu fragen, warum diese Frauen nicht einfach gegangen sind oder warum sie andere Frauen angeworben haben; wir müssen untersuchen, wie ihr Handlungsspielraum zuvor Schritt für Schritt verändert worden war. Die gefährlichste Ohnmacht beginnt vielleicht dort, wo ein Mensch nicht mehr nur fremdgesteuert wird, sondern das fremde System schließlich mit den eigenen Händen weiterbaut.