Massenansturm in den Dolomiten – wegen eines Krapfen?

Was wir derzeit in den Dolomiten beobachten, ist weniger eine Ansammlung besonders irrationaler Touristen als ein Schwarm, dessen Mitglieder auf dieselben digitalen Signale reagieren. Social Media verwandelt einzelne Orte, Fotomotive und Produkte in weithin sichtbare Orientierungspunkte, sodass aus vielen voneinander unabhängigen Local Playern plötzlich ein synchronisierter Besucherstrom entsteht. Die langen Schlangen vor der Friedrich-August-Hütte oder an anderen bekannten Punkten der Dolomiten sind deshalb auch räumlich sichtbar gewordene digitale Aufmerksamkeit. Der einzelne Mensch entscheidet scheinbar autonom, doch sein Entscheidungskorridor wurde zuvor bereits durch Bilder, Empfehlungen und den Feed vorgezeichnet.

Krapfen in den Dolomiten

Besonders schön lässt sich dieser Mechanismus am berühmten Krapfen beobachten, der seit Jahren online inszeniert wird und inzwischen Menschen sogar zu Umwegen und langen Wartezeiten auf 2.300 Metern bewegt. Ein aktuelles Video erreichte innerhalb weniger Tage mehr als eine Million Aufrufe und beschleunigte damit einen bereits bestehenden Trend. Der Feed zeigt dem User dabei nicht die unendliche Vielfalt der Dolomiten, sondern immer wieder jene wenigen Motive, die bereits viel Aufmerksamkeit besitzen. Was häufig gesehen wird, wird häufiger besucht, was häufiger besucht wird, erzeugt mehr Content-Creation, und was mehr Content erzeugt, wird wiederum häufiger gesehen.

So entsteht eine soziale Feedbackschleife, in der Influencer, gewöhnliche User und touristische Anbieter gemeinsam an einem Phänomen mitwirken, das niemand allein geplant hat. Der Influencer fungiert dabei als Trendsetter, doch seine Wirkung entsteht erst, weil Tausende andere Menschen seine Bilder aufgreifen, reproduzieren und in ihre eigene Lebensgeschichte integrieren. Selbst Kritik verstärkt unter Umständen die Sichtbarkeit, denn auch Videos über kilometerlange Schlangen machen den Ort für neue Menschen überhaupt erst bekannt. Aus Schwarmintelligenz kann deshalb Schwarmdummheit werden, sobald der Schwarm seine eigenen Signale stärker wahrnimmt als die Rückmeldungen der physischen Umwelt.

Das eigentlich Spannende ist nämlich, dass die Menschen in eine gewaltige alpine Open World fahren und sich dort dennoch auf wenige vorher markierte Punkte konzentrieren. Statt die Landschaft zu erkunden, folgen sie einem digitalen Shortcut zu jenem Motiv, das ihnen bereits als besonders sehenswert, begehrenswert oder teilenswert präsentiert wurde. Die Berichte über Menschen, die vor allem für das perfekte Foto anreisen, zeigen diese Verschiebung vom Erleben eines Ortes zur medialen Bestätigung des eigenen Dortgewesenseins besonders deutlich. Der Berg wird damit zur Kulisse für den Personal Brand, während das reale Erlebnis zunehmend nach den Erwartungen seiner digitalen Vorabbilder organisiert wird.

Für die Schwarmintelligenz-Soziologin sind die Dolomiten deshalb ein Reallabor dafür, wie das Global Game heute bis in die entlegensten physischen Räume hineinreicht. Es zeigt, wie globale Informationsströme lokale Wirklichkeiten synchronisieren können, bis plötzlich Hunderte Menschen gleichzeitig dasselbe wollen, obwohl jeder von ihnen glaubt, lediglich seinem eigenen Wunsch zu folgen. Wo der Schwarm seine Wahrnehmung fast ausschließlich aus dem Feed bezieht, wäre Touch Grass im HD-Sinne mehr als ein ironischer Internet-Spruch: Es wäre die Aufforderung, die digitale Vorprogrammierung der eigenen Aufmerksamkeit zu unterbrechen und wieder unmittelbar auf Ebene 0 der Wirklichkeit zu reagieren. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, warum so viele Menschen für einen Krapfen anstehen, sondern wie aus einem Krapfen, einem Foto und einem Algorithmus überhaupt ein gemeinsamer Wille entstehen konnte.